„Keine Wohnung bedeutet keine Arbeit und keine Unterstützung“
Freitag, den 29. Dezember 2017 um 11:00 Uhr

Dr. Albrecht Schütte MdL sowie die Heidelberger Stadträte Werner Pfisterer und Alexander Föhr zu Besuch bei der SKM-Wohnungslosenhilfe im Karl-Klotz-Haus

Heidelberg. Not hat viele Gesichter. Der SKM Heidelberg, der „Katholische Verein für Soziale Dienste“, setzt sich im Stadtgebiet vor allem in vier Bereichen für betroffene Menschen ein: Unterstützung durch Tafelläden, rechtliche Betreuung, Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe.

„In unseren Tagesstätten wird die existenzielle Grundversorgung sichergestellt, nämlich Essen, Kleidung, medizinische Hilfe, aber auch die Möglichkeit, sich um die eigene Hygiene zu kümmern. Das Karl-Klotz-Haus sowie der `FrauenRaum´ an anderer Stelle sind eine Rückzugsmöglichkeit von der Straße“, so Matthias Meder im Gespräch mit dem Landtagsabgeordneten Dr. Albrecht Schütte sowie den beiden CDU-Stadträten Werner Pfisterer und Alexander Föhr, die für die Besucher Mandarinen und Nüsse mitgebracht hatten.

„Bei uns engagieren sich Menschen für Menschen“, so Meder, der Soziale Arbeit studiert hat und seit über 20 Jahren für die Wohnungshilfe tätig ist. „Uns sind die meisten wohnungslosen Menschen in Heidelberg bekannt. Zusätzlich zu den stationären Stellen sind zwei Kolleginnen auf den Straßen unterwegs, um aufsuchende Sozialarbeit zu betreiben. Sie sprechen Menschen direkt an und schauen, ob die betroffene Person Hilfe benötigt. Dadurch haben wir einen guten Überblick.“

Es gäbe um die 70 obdachlosen Personen im Stadtgebiet Heidelberg. Ca. 25 davon würden außerhalb des Systems leben und wären nur über die aufsuchende Sozialarbeit zu erreichen. Weitere 50 Menschen, die beispielsweise bei deren Freunden oder Bekannten unterkommen, werden zusätzlich betreut. Über das Jahr sprechen 600 Menschen in der Beratung vor, der Frauenanteil liegt bei 20%.

Eine Besonderheit des Karl-Klotz-Hauses sei, dass man sich dort postalisch und polizeilich anmelden könne. Durch die Meldeadresse habe man die Möglichkeit, eine Lohnsteuerkarte und den Heidelbergpass zu erhalten beziehungsweise zu nutzen. Die Personen, die in die Einrichtungen kämen, seien zwischen 16 bis 80 Jahre alt, Männer und Frauen aus allen sozialen Schichten.

„Persönliche Schicksale wie Todesfälle, Krankheit, Überschuldung oder Trennungen sind oft Auslöser, die zur Wohnungslosigkeit führen. Die Ursachen sind aber strukturell bedingt. Fehlender Wohnraum, fehlende Chancengleichheit, Ungleichverteilung und Ausgrenzung sind verantwortlich dafür, dass Menschen wohnungslos werden“, so Meder. Die Stadt arbeite mit dem SKM gut zusammen, so Stadtrat Alexander Föhr, und werde den Verein auch in Zukunft unterstützen, beispielsweise bei der Suche nach neuen Räumlichkeiten.

Stadtrat Werner Pfisterer erkundigte sich nach der finanziellen Versorgung der Menschen ohne festen Wohnsitz. Meder führte aus: „Seit Januar 2017 stehen erwachsenen alleinstehenden Personen 409 Euro als Grundsicherung zu, sofern diese eine Postadresse haben. Den ‚Durchwanderern‘ kann drei Mal im Monat in unserer Einrichtung ein Betrag von 13,63 Euro am Tag ausgezahlt werden, sonst müssen sie sich für einen Monat anmelden. Ein Sonderfall stellt hier das Wichernheim mit seinem Übernachtungsbereich in der Plöck dar: Dort kann man 14 Nächte im Monat übernachten und daher 14 Tagessätze beziehen.“

In einer Runde mit einigen Besuchern der Einrichtung wurde vor allem das Thema Wohnungsnot besprochen. Ein Mann, der zuvor als Erzieher gearbeitet hatte, brachte es auf den Punkt: „Es ist eine Spirale: Ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keine Arbeit. Es ist sehr schwer, aus diesem Teufelskreis auszubrechen.“

Auch Meder sieht hier die wohl größte Herausforderung: „Wenn Menschen unser Beratungsangebot wahrnehmen, die gerade ihre Wohnung verloren haben, können wir ihnen kaum Hoffnung machen auf eine neue.“ Gerade für Wohnungslose seien die Städte sehr attraktiv. Hier habe man ein funktionierendes Hilfesystem, man sei nicht allein und habe trotzdem eine gewisse Anonymität.

Heidelberg sei bei der Bereitstellung von Notunterkünften Spitzenreiter in Baden-Württemberg, erklärte Meder: „Die Stadt verfügt über 700 Notunterkünfte und im Winter bietet zusätzlich eine Unterkunft in der Sickingenstraße Schutz vor Erfrierung.“ Allerdings reichen selbst diese Anstrengungen nicht vollständig aus.

Dr. Albrecht Schütte MdL pflichtete Meder bei: Mit der Anzahl der Arbeitsplätze nehme in der Rhein-Neckar-Region die Bevölkerung zu und alle wollten im Schnitt immer mehr Wohnraum. Dazu käme mit der hohen Anzahl an Studierenden gerade in Heidelberg eine Knappheit bei kleineren Wohnungen. „Also müssen wir neuen Wohnraum schaffen, was trotz erfolgreicher Konversion ohne Nachverdichtung und Ausweisung von neuen Wohngebieten nicht funktionieren kann. Zusätzlich müssen wir den ÖPNV ausbauen, damit ein Teil der Zuwanderung in unsere Raumschaft auch in die ländlicheren Gebiete erfolgt.“

Problematisch sei, dass kaum Wohnungen im Niedrigpreissegment vorhanden wären, so Werner Pfisterer: „Es gibt viele Auflagen für Hausbesitzer, die zu teuren Sanierungsmaßnahmen führen. Es ist für Vermieter fast nicht möglich, neugebaute Wohnungen zu angemessenen Preisen anzubieten. Zu viel Bürokratie schreckt zusätzlich ab.“

Meder sprach ein weiteres Thema an, bei dem er die Landespolitik im Zugzwang sehe. Man biete mit Hilfe eines ehrenamtlichen Arztes in der Tagesstätte zwei Mal pro Woche niederschwellige medizinische Versorgung an, die durch Spenden finanziert sei. „Das können wir finanziell nicht alleine stemmen. Wir wünschen uns eine flächendeckende Unterstützung bei der dauerhaften Finanzierung solcher sinnvollen und notwendigen medizinischen Angebote für Wohnungslose“, erläuterte Meder.

In der offenen Runde wurden weiter die aktuelle Lage bei der Regierungsbildung, das bedingungslose Grundeinkommen und akute Situationen einzelner Besucher diskutiert.

Schütte bedankte sich nach einem gemeinsamen Mittagessen bei Meder für die Einblicke: „Sie, Ihr Team und die vielen ehrenamtlichen Helfer leisten hier eine wertvolle und wichtige Arbeit. Es ist schön, dass Ihre Einrichtung eine Anlaufstelle bietet, wenn man in Not gerät.“

(Text/Foto: Christine Nahrgang)